Sammelstelle für Erleuchtungen, mentalem Abfall und cerebraler Stoffwechselendprodukte des Tages...
13.03.2010
Sommernacht
Ruht von heissem Tag die Flur -
In verglimmendem Gefunkel
Schwand der Sonne letzte Spur,
Schlummer hält die Welt umschlungen -
Nebel steigt im Wiesengrund,
Was am lauten Tag verklungen,
In der Stille wird es kund.
Sanftes Flüstern - zartes Weben -
Fern von Vogelruf ein Ton:
Herz, was soll dein leises Beben,
Ach, vergessen glaubt ich's schon!
Nicht begräbt es Zeit und Wille,
Was dir einst das Herz bewegt -
Es befällt dich eine Stille,
Wo der alte Ton sich regt!
Heinrich Seidel
Der Schädel
Eines Schädels Hohlgebein
Nur noch schwarze Schatten träumen
In den leeren Augenräumen
Seines bleichen Angesichts.
Die einst hier den Tag getrunken,
Ach verloschen sind die Funken,
Eine Welt ist hier versunken!
Und aus Höhlen, leer des Lichts,
Finster schaut ein todtes Nichts!
Bleicher Schädel, lebensbar,
Künde mir, was einstmals war!
Standest du in schwarzen Locken?
Prangtest du in goldnen Flocken?
Trugst du einst ein flatternd Band?
Schmückte dich des Helmes Blinken?
Bunter Federn heitres Winken?
Drückten dich der Krone Zinken.
Eh' du kamst in jenes Land,
Draus den Rückweg keiner fand?
Bleicher Schädel, leer und hohl,
Höre meine Fragen wohl!
Welche waren die Gedanken,
Die von deinem Hirne tranken?
Suchtest du der Minne Sold?
Grubst du in der Weisheit Schränken?
Stand der Sinn dir nach den Schänken?
Ging auf edle That dein Denken?
Giertest du nach Ruhm und Gold? -
Alles ist dahin gerollt!
Meinen Fragen hörest du
Mit dem bleichen Grinsen zu.
Deinen Kiefern schwand das Leben
Und du kannst nicht Antwort geben;
Aber was dein Grinsen sagt,
Dieses will ich treu berichten:
Grausam tödtliche Geschichten
Von Verzichten und Vernichten,
Drob die Welt von Anfang klagt
Und des Menschen Herz verzagt.
Menschenschicksal ist wie Glas,
Menscheglück wie Blum' und Gras.
Tückisch wogen Meeresfluthen,
Gierig lauern Feuersgluthen,
Und irn Dunkeln wühlt's und webt.
Wo des Krieges Stürme fuhren,
Folgt die Pest den blut'gen Spuren;
Hungersnoth versehrt die Fluren! -
Selbst die feste Erde bebt
Und verschlingt, was liebt und lebt!
Menschenwerth ist eitel Rauch.
Kennst du des Erobrers Brauch?
Eine Krone sieht er blinken
Und den Siegesapfel winken
An des Ruhmes stolzem Baum,
Und umjubelt von den Tröpfen.
Die aus seiner Gnade schöpfen,
Wirft er sich mit Menschenköpfen
Kühn herab den goldnen Traum!
Menschenwerth ist eitel Schaum!
Und was nützt, dass Einer lag
Im geschmückten Sarkophag?
Einstmals kommen sie in Schaaren,
Wilde, plündernde Barbaren,
Gierig auf Geschmeid' und Gold.
Und die Beile hört man pochen,
Und die Ruhstatt wird erbrochen,
Und man wühlt in Wust und Knochen!
In den Staub der Strasse rollt,
Dem man Ehrfurcht einst gezollt!
Ach, vielleicht in Jahr und Tag
Sieht ein Mensch von meinem Schlag
Meinen Schädel vor sich ragen,
Und er fragt ihn all die Fragen,
Die ich dir, du Schädel, thu'.
"Die einst hier den Tag getrunken,
"Ach, verloschen sind die Funken,
"Eine Welt ist hier versunken! -
Und in stiller Todesruh'
Grins' ich ihm, wie du mir, zu! -
Heinrich Seidel
Einsamkeit
Auf dem stillen Nebelsee,
Bäume ragen, dunkle Riesen,
Wo ich einsam sinnend steh!
Vogelruf aus tauigen Feldern,
Wasserrauschen fern im Grund,
Tiefes Schweigen in den Wäldern,
Sternenflimmer hoch im Rund.
Und mein Blut geht hin und wieder,
Und vorüber rinnt die Zeit,
Schauer senkt sich auf mich nieder
Vor dem Hauch der Einsamkeit.
Heinrich Seidel
28.11.2008
Die Kinder im Schnee
Drei Kinder wandern durch den Wald.
Sie gingen schon oft den Weg allein -
Heut flimmert der Mond mit irrem Schein.
Der Pfad, der sonst so kurz nach Haus, -
heut mündet er nimmer zum Wald hinaus.
Die kleinen Beinchen schreiten voran.
Da ragt empor der finstre Tann.
Sie laufen zurück und hin und her -
Sie finden im Schnee den Weg nicht mehr.
Es weinen die Kleinsten, wohl irrten sie weit.
Kalt ist die Nacht und Schlafenszeit!
Sieh dort, unter Wurzeln ein trocknes Hohl,
Da bettet das Schwesterchen beide wohl.
Trägt Moos und Laub zu ihrer Ruh
Und deckt mit dem eignen Tüchlein sie zu.
Die Nacht ist kalt, vom Mond erhellt, -
Es funkeln die Sterne am Himmelszelt.
Man hat sie gesucht mit Rufen und Schrein,
Man hat sie gefunden beim Morgenschein.
Die beiden Kleinen, sie schlafen fest,
Aneinandergeschmiegt im warmen Nest.
Den Arm gerafft voll Laub und Moos,
So fand man die andre bewegungslos.
So lag sie im Schnee - die Wangen rot,
Die hatte geküsst der eisige Tod.